Peter Kaiser begrüßt die Referentin Marie-Louise Lichtenberg
Foto: Andrea Ludwigs-Spalink

19.02.2025 | News

Starke Demokratie braucht mündige Leser und Leserinnen

Das Leseverständnis bei Kindern und Erwachsenen nimmt weltweit ab. Zu diesem erschreckenden Ergebnis kommen internationale Bildungsvergleichsstudien seit Jahren. In Deutschland lesen etwa 22 Prozent der Erwachsenen auf dem Niveau eines zehnjährigen Kindes. Dass dies Folgen für die politische Teilhabe und die Demokratie insgesamt hat, liegt auf der Hand: Wer (lokal-)politische Zeitungsartikel, Wahlprogramme und andere komplexe Texte rund um gesellschaftliche Partizipation nicht verstehen und kritisch hinterfragen kann, fällt leichter populistischen Parolen zum Opfer und ist anfällig für Manipulationen. Dass eine lebendige Demokratie eine informierte und mündige Leserschaft braucht, beleuchtete Autorin und Leseförderin Marie-Louise Lichtenberg jetzt im Begas-Haus auf Einladung von Mentor – die Leselernhelfer Kreis Heinsberg.

Dabei ging sie u.a. auf das Ljubljana-Manifest ein, in dem Bildungsforschende fordern, den Fokus verstärkt auf das Trainieren von intensivem analogen Lesen zu legen. Denn neuere empirische Untersuchungen zeigten, dass sich die digitale Umgebung negativ auf das Lesen auswirke, insbesondere auf das Lesen langer Texte und das Leseverständnis. Digitalisierter Lesestoff verführe vielfach zu oberflächlichen und fragmentarischen Leseprozessen und eben auch oft zum Nichtlesen. Dies führe zum Rückgang wichtiger fortgeschrittener Lesekompetenzen und intensiver Lesepraktiken. Dazu gehören z. B. das kritische und bewusste Lesen, das langsame Lesen, das nicht-strategische Lesen und das Lesen von Langformen wie Büchern.

Intensives Lesen auf Papier dagegen trainiere Aufmerksamkeit und kognitive Ausdauer, erweitere das Vokabular, hinterfrage Vorurteile, rege an, verschiedene Interpretationen auszuprobieren, Widersprüche, Vorurteile und logische Fehler aufzuspüren und die komplexen Verbindungen zwischen Texten und ihren kulturellen Hintergründen zu entdecken. So sei intensives, kritisches Lesen das wichtigste Instrument analytischen und strategischen Denkens, ohne das man nicht fähig sei, populistischen Vereinfachungen, Verschwörungstheorien und Desinformationen zu begegnen.

Für die Grundschule forderte die ehemalige Lehrerin deshalb in einem eigenen Positionspapier eine stärkere Fokussierung auf das intensive analoge Lesen von Anfang an: „Jede Schulstunde sollte immer auch Deutschstunde sein.“

In dieses Postulat fügte sich das ehrenamtliche Engagement der Mentoren und Mentorinnen nahtlos ein, bei denen sich Marie-Louise Lichtenberg und Peter Kaiser, Vorsitzender von Mentor – Kreis Heinsberg, für die demokratiefördernde Leseförderung herzlich bedankten. Beide hatten zuvor die Warnung der Schriftstellerin Margaret Atwood aus dem Ljubljana-Manifest zitiert:

“Wenn es keine jungen Leser und Leserinnen und Schreiber und Schreiberinnen mehr gibt, wird es bald auch keine älteren mehr geben. Die Schriftkultur wird tot sein, und die Demokratie … ebenso.“